Schön ist, was man jeden Tag sieht

Oder warum ich zu meiner Schwester aufsehe

Habt ihr auch einmal versucht herauszufinden, wie weit euer Gedächtnis in eure Kindheit zurückreicht? Den Moment in eurem Leben zu finden, den ihr zum ersten Mal so bewusst wahrgenommen habt, dass ihr euch heute noch an ihn erinnert? Wahrscheinlich schon. Ich zumindest tue es immer wieder.

Ich blättere durch meine Kindheit wie durch ein Kinderbilderbuch, aus dem zwar schon einige Seiten herausgerissen und andere mit klebriger Schokolade beschmiert sind, doch einige Bilder sind auch noch gut erhalten…

 

Seite 1

Meine Schwester Nele hält mich mit beiden Händen fest, während wir vollkommen asynchron gemeinsam Trampolin springen, wobei sich unsere Füße nur wenige Millimeter vom Trampolinboden abheben. Während wir wie in einem vorgespulten Film wild auf und ab hüpfen, quietschen wir vergnügt und grinsen einander an.

 

Seite 2

Nele und ich sitzen am Frühstückstisch und puhlen den weichen Innenteil unserer Brötchen heraus, um ihn anschließend zu großen Kugeln zusammenzurollen, uns in die Münder zu stopfen und ihn dann lässig schmatzend wie Kaugummi zu kauen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das auf ihrem Mist gewachsen ist.

 

Seite 3

Wir stehen, beide im gleichen dunkelblauen Pullover, der Nele perfekt passt und mir bis über die Knie reicht, unter dem Weihnachtsbaum und sagen gemeinsam „Lieber, guter Weihnachtsmann“ auf. Dabei schaue ich nicht etwa zu unseren stolzen und aufmerksam lauschenden Eltern oder Großeltern oder lächele in Richtung des alten Mannes mit dem roten Mantel und weißen Rauschebart, um ihn für die anschließende Bescherung großzügig zu stimmen. Nein, mein Kopf schaut seitlich hoch zu meiner großen Schwester, meine Augen fixieren ihre Lippen… vielleicht weil ich versuche zu erahnen, wie genau der Reim weitergeht, oder aber weil ich möglichst synchron mit ihr sein will. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich zu ihr hochsehe, weil ich das immer schon getan habe.

 

Seite 4

Als ich im Alter von vier Jahren zu ihr ins Zimmer komme, um nach einer Schere zu fragen, will ich mit meiner Freundin Alina nebenan eigentlich nur basteln. Doch dann ermahnt mich Nele:“ Aber schneidet euch nicht die Haare!“ und lächelt. Oh, Nele will also, dass ich Friseur spiele, muss ich gedacht haben, denn ab diesem Tag hatte ich einen Bubikopf…

Während ich also zu Ostern wie ein kleiner Junge in Mamas selbstgenähten Kleidern herumlief, wusste Nele irgendwie schon immer, was schön ist. Mit ihren langen blonden Haaren, dunklen Augenbrauen und feinen Gesichtszügen zog sie schon immer die Blicke auf sich.

Auf jeder Seite des Bilderbuches ist neben mir auch immer Nele. Mit vier Jahren Altersunterschied wusste sie in meinen blauen, naiven Kinderaugen eigentlich alles, was man wissen muss – hauptsächlich über die Duplo-Architektur und das Monopoly-Bankwesen (sie hat doch tatsächlich ihre kleine Schwester über Jahre hinweg in diesem Spiel ausgenommen wie ein Glücksspielautomat einen Spielsüchtigen). Für mich gab es niemanden, der mit meiner Schwester mithalten konnte. Und sie inspiriert mich bis heute.

 

“Warst du an meinem Kleiderschrank?”

Jahre später, als ich in die Pubertät kam, hatte ich noch immer nicht wirklich ein Gefühl für einen stilvollen Auftritt entwickelt und änderte meinen Kleidungsstil öfter als meinen Musikgeschmack (manchmal auch beides gleichzeitig). Doch für meine erste richtige Party oder das überlebenswichtige Date mit dem süßen Jungen aus meiner Klasse wusste ich dann doch immer eines richtig zu machen: Ich kam zu meiner Schwester, um mir ein paar coole Stücke aus ihrem Kleiderschrank auszuleihen…
Zu doof nur, dass meine Schwester für jedes einzelne Stück ihres farblich sortierten Kleiderschrankinhalts eine eigene Falttechnik zum Zusammenlegen entwickelt hat. Also selbst, wenn ich aus Zeitnot einmal nicht zum Fragen gekommen bin und mir gezwungenermaßen heimlich etwas aus der “Höhle der Löwin” stibitzen musste, kam ich nie unbemerkt davon.

 

Never get changed by idols, but inspired

Heute muss Nele ihren Kleiderschrank (oder besser gesagt ihr 20 Quadratmeter großes Ankleidezimmer) nicht mehr mit mir teilen. Doch profitiere ich auch heute noch von ihrem guten Gespür für Fashion, nämlich wenn es mal wieder auf Shoppingtour durch das Hamburger Schanzenviertel oder über den Neuen Wall geht. Ihr Talent, mich für Outfits zu begeistern, für die ich allein niemals das Portemonnaie gezückt hätte, entspringt dabei ihrer ehrlichen Faszination für Mode. Bereut habe ich aber bisher noch keine Kaufempfehlung von ihr…

 

Danke Schwesterherz, dass du mir damals wie heute ein Vorbild bist! ❤