Ich hatte meine Gründe…

Wie der “Fun-Typ” eines Tages mein großer Bruder wurde

Als ich die Haustür aufschließe, meine Schultasche im Flur abstelle und die Schuhe ausziehe, höre ich eine mir unbekannte Stimme, die ich aus der Küche verorte. Es war eine tiefe Männerstimme, die sich mit meiner Mutter unterhält. „Das nervt mich jetzt natürlich total, weil ich eben auch im Fußball auf unbestimmte Zeit aussetzen muss.“, erklärt die Männerstimme missmutig. Mir zieht der Gestank von Zigarettenrauch in die Nase. Seit wann wird denn in unserem Haus geraucht? Ich überlege, ob ich demonstrativ laut zu husten anfangen soll, entscheide mich aber dafür, dass der Effekt größer ist, zunächst die Qualmhöhle zu betreten, um ihnen dort suggestiv die gesundheitliche Gefährdung einer Jugendlichen vorzuwerfen.

Da steht er – ein dunkelhaariger, großer Mann, breit gebaut und soeben seine Zigarette im Aschenbecher abklopfend. Einige würden ihn wohl auch als gutaussehend bezeichnen. Alles, worüber ich nachdenken kann, ist: Der ist doch viel zu jung für meine Mutter!

Dann geht mir ein Licht auf. Meine große Schwester Nele hat doch einen Neuen. Einen Typen, den sie doch tatsächlich in der „Dorfdisko“ kennengelernt hat. Bereits die Umstände ihres Kennenlernens gaben mir keinen Anlass, meine Schwester weiter nach ihm zu befragen. „Hallo?“, begrüße ich meine Mutter mit einem fragenden Unterton, der gar nicht erst versucht meine fehlende Begeisterung über den unbekannten Besuch zu verbergen. „Hey, ich bin Eike.“, unterbricht uns „Eike“ und streckt mir seine große Hand entgegen. „Hi“, sage ich mit der Überheblichkeit anzunehmen, dass er meinen Namen ja wohl sicherlich schon gehört haben müsse, immerhin qualmt er gerade meine Küche zu. Ach ja, das Husten. „Öchö, öchö“, krächze ich, halte mir den Handrücken vor den Mund und mache einen gequälten Gesichtsausdruck. Ich schaue vorsichtig hoch. Na toll, die Botschaft ist nicht einmal angekommen. Eike ist mit seinem Knie beschäftigt, das, wie ich nun bemerke, eingegipst ist. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. „Eike bleibt auch heute Abend zum Essen.“, verkündet meine Mutter fröhlich, wobei in ihren Worten eine Woge der Sympathie für den Fun-Typen mitschwingt. Das Fun ist übrigens der abgeschmackte, wenn auch nahezu einzige Club der Stadt, in dem sich Nele und Eike zum ersten Mal trafen. Ok zugegeben, ich war noch nicht dort, denn sie lassen nicht einmal mit Genehmigung der Eltern eine 15-Jährige rein. Aber wenn man dort Typen wie Eike kennenlernt, brauche ich da wohl später auch gar nicht erst hinzugehen…

Zum Abendessen hat sich unsere Mutter wirklich viel Mühe gegeben: Es gibt Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, eine dunkle Soße und Salat. Während meine Schwester und ich unsere Plätze bereits eingenommen haben, sitzt Eike noch auf der Sofakante und spielt mit unserem Hund Snoopy. Super, der scheint den neuen Mann auch ganz toll zu finden. Ich habe gehofft, dass wenigstens einer zu mir halten würde… Als Mama in der Küche mit Geschirr zu klirren beginnt, stützt sich Eike hastig auf und humpelt in Richtung Küche. Kurz darauf kommt er mit vier Tellern und Besteck zurück in Esszimmer und verteilt alles auf dem Tisch. Ich verdrehe unbemerkt die Augen angesichts dieser Aufdringlichkeit. Während wir Mädels uns die Teller reichlich aufladen, bemerke ich, dass Eike nur ein paar Salatblätter herauspuhlt und nicht einmal die Tomaten anrührt. Meine Mutter hat es auch bemerkt und fragt bestürzt, ob er das Essen denn nicht mögen würde. „Nein nein“, erklärt Eike schnell und lacht kurz. „Ich achte nur sehr darauf, was ich esse. Alles gut, ich bin absolut zufrieden.“ Ich schaue meine Mutter an, die mit sich hadert. Wie ich sie kenne, möchte sie Eike am liebsten irgendeine andere Alternative anbieten, sodass er nicht nur auf trockenen Salatblättern herumkauen muss, während wir uns die Bäuche mit deftiger Hausmannskost vollschlagen. Aber Eike wimmelt ihre Versuche ab und schiebt sich eine Gabel Salat nach der anderen in den Mund.

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Einige Monate später ist Eike immernoch nicht weg vom Fenster. Ein paar Wochen gebe ich ihm noch, dann hat er allerdings die magische Sechs-Monate-Grenze überschritten und würde sich wohl endlich seiner Vertreibung aus unserem friedlichen Frauenhaushalt gegenübersehen. Wenn er sich wenigstens ausschließlich auf das Zimmer meiner Schwester beschränken würde, aber auch das ist mir nicht gegönnt. Stattdessen scheint ihm, nun wo sein Knie verheilt und der Gips weg ist, der ausgiebige Auslauf unseres kleinen Jack Russels am Herzen zu liegen. Beinahe täglich schnürt er Snoopy sein Geschirr um und geht mit ihm eine Runde laufen. Wie bitte? Der nimmt meinen herzkranken Hund mit auf seine Joggingtour? Der bringt ihn noch um! Und überhaupt: Ich wollte doch gerade mit Snoopy gehen …

Und dann passierte es. Einige weitere Monate sind vergangen, da liege ich spät abends in meinem Bett und telefoniere noch mit meinem besten Freund. Eike ist immernoch da, direkt gegenüber, den Flur hinunter im Zimmer meiner Schwester und mampft womöglich gerade noch seine in Wasser aufgelösten Haferflocken. „Warte kurz, ich muss mal schnell ins Bad“, sage ich die Beine zusammenkneifend ins Telefon, werfe es auf mein Bett und haste auf Zehenspitzen zur Tür und in den Flur, wo ich nach dem Lichtschalter taste, um den Weg zur Badezimmertür zu finden. In dem Moment, wo ich den Schalter finde und die Flurlampe anknipse, tritt auch Eike in den Flur – splitterfasernackt! Oh mein Gott, peinlicher geht es wohl nicht mehr! Mein Mund steht offen und ich bin wie versteinert. Bitte halte dir schnell die Hände vor dein gutes Stück und verschwinde in den nächsten drei Sekunden in der Tür hinter dir, flehe ich innerlich. Eike muss etwas anderes gedacht haben. Nach einem kurzen Moment der Irritation und des Schocks stemmt er seine Hände in die Hüfte, lächelt mich breit an und sagt allen Ernstes: „Hiii, alles klar?“. Tja, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist… Mein überfordertes Teenager-Gehirn entwickelt entgegen seiner Lockerheit einen unverzüglichen Fluchtinstinkt, sodass ich schließlich zurück in mein Zimmer laufe und mich auf das Bett werfe. „AAARRRGHHH“, schreie ich in die Decke und weiß nicht, ob ich nun einfach darüber lachen oder Eike einen Vorwurf für seine Rücksichtslosigkeit machen soll. Ich entscheide mich für ersteres.

Nein, es war nicht dieser Moment, der unsere Beziehung zueinander verändert hat und ich habe natürlich auch gar nicht hingesehen ;-).
Ich kann gar nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es irgendeinen speziellen Zeitpunkt gab, der bewirkt hat, dass ich meine ablehnende Haltung gegenüber meinem heutigen Schwager abgelegt habe oder ob es sich einfach so entwickelt hat. Aber ich erinnere mich mittlerweile an hunderte Momente, in denen meine Zuneigung für Eike gewachsen ist, bis ich in ihm eines Tages Familie gesehen habe. Nicht etwa, weil ich mich einfach an seine ständige Anwesenheit gewöhnt habe, sondern weil mir klar wurde, dass der Fun-Typ einer der loyalsten Menschen ist, die ich kenne. Heute kann ich sagen, dass ich einige schwere Momente ohne Eike wohl niemals so gut überwunden hätte. Dass er für Nele und mich eintritt, wie ein Wolf für sein Rudel! Dass ich Freudentränen geweint habe, als er meiner Schwester einen Antrag machte und dass ich mit ihm am Altar um die Wette schluchzte als unsere Nele letztes Jahr die Kirche betrat. Und dass ich ihn ganz bestimmt nicht mehr missen möchte.

Ja, ich hatte meine Gründe, ihn nicht zu mögen. Aber es waren zugegeben keine besonders guten! Und das Rauchen hat er zum Glück auch längst aufgegeben…