Die richtige Entscheidung?

Tok, Tok, Tok. In meinem Kopf tickt eine Uhr, ebenso unermüdlich wie die Zeit, die vergeht. Nicht auszublenden und immer lauter werdend, je mehr ich hinhöre. Ich muss mich ablenken, also stehe ich aus meinem Sessel auf und schalte die Kaffeemaschine an. Während das rasselnde Geräusch der zermahlenden Kaffeebohnen die Küche erfüllt, bleibt die Uhr stehen. Doch während sich die Espressotasse einen Moment später unter leisem Pfeifen mit meinem duftenden Lieblingsgetränk füllt, ist der Zeiger bereits wieder in Bewegung.

 

Nein, ich fühle mich noch nicht alt, zähle noch keine Falten, geschweige denn graue Haare oder fürchte mich vor der Zukunft. Mir steht auch nichts Unangenehmes bevor – zumindest wüsste ich von nichts. Ich stehe an einem Punkt im Leben, der für mein Alter eigentlich ganz normal scheint. Ich habe gerade meinen Bachelor abgeschlossen und fange demnächst mit meinem Master an. Ich habe einen wunderbaren Freund an meiner Seite, wohne ich meiner zweiten eigenen Wohnung, die zu meiner ersten eine deutliche Verbesserung darstellt und bin auch sonst sehr zufrieden. Der Weg für alles Kommende scheint geebnet. Doch gerade nun, wo die Etappe eines abgeschlossenen Studiums meinen beruflichen Weg vorzuzeichnen scheint, frage ich mich immer wieder „Was wäre, wenn…?“.

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Sich seinen Weg im Leben frei wählen zu können ist ein hohes Privileg, dessen bin ich mir bewusst. Und gleichzeitig quält mich der Gedanke, von all meinen Optionen vielleicht nicht immer die richtige gewählt zu haben. Ist nicht unser ganzes Leben ziemlich willkürlich? Wer arbeitet heute schon in dem Beruf, den er seine Mutter damals unter „Das möchte ich mal werden“ in sein „Meine Kindergartenfreunde“-Buch hat schreiben lassen? Wohl nur die wenigsten.

Wie ich zu meinen Entscheidungen kam

Hätte man eine andere Ausbildung, ein anderes Studium gewählt oder gleich eine ganz andere Stadt, wie hätte uns das beeinflusst? Wir wären andere Menschen begegnet, hätten andere Freundschaften geschlossen, andere Beziehungen geführt. Wir hätten in einer anderen Umgebung auch weiterhin andere Entscheidungen getroffen und wären heute vielleicht schöner, erfolgreicher oder glücklicher. Vielleicht aber auch nicht.

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Ich schrieb übrigens lange Zeit in diese Freundschaftsbücher, dass ich einmal Lehrerin werden will, wenn ich mal groß bin – wohl, weil das der einzige Beruf ist, von dem man als Grundschülerin wirklich ein Bild hat. Nachdem ich gelernt hatte zu schreiben und meinen ersten eigenen Computer (natürlich noch ohne Internetzugang) bekam, auf dem lediglich ein Schreibprogramm installiert war, wollte ich dann Schriftstellerin werden. Anstelle eines Tagebuchs tippte ich fortan kleine Geschichten in meinen Windows 98, deren Protagonistin meinem 9-jährigen Ich verdächtig ähnelte. Irgendwann musste ich jedoch feststellen, dass Schriftstellerin kein sehr sicherer Berufsweg ist und sich nur schwer planen lässt. Also schwang ich über zum Journalismus und war in der Oberstufe überzeugt, nun endlich meinen Weg zu kennen.

Fröhlich im MSN-Chat mit Freunden Emoijs austauschend und auf SchülerVZ etlichen Gruppen beitretend merkte ich allmählich, dass der Journalismus im Zeitalter des Internets vielleicht nicht mehr das für mich bereithalten würde, was ich mir früher davon versprach. Ich träumte davon, als Reporterin in ferne Länder zu reisen, wie eine Detektivin nach Fakten zu recherchieren und mit einer vierseitigen Zeitungsreportage gesellschaftliche Diskussionen anzuregen und Menschen zu bewegen. Eine heutzutage eher selten zutreffende Vorstellung. Genauso gut hätte ich glauben können, dass man als Lehrer wirklich zu seinen pubertierenden Schülern durchdringen und ihnen als einziger Lehrkörper Freude am Lernen vermitteln könne.

Nein, die meisten Journalisten heute müssen vor allem eines: Den Kopf über Wasser halten. Und sich kurzfassen. Wir haben doch alle gar keine Zeit mehr, lange Texte zu lesen. Informationen sind ebenso wie unsere Lebensmittel „convenient“ geworden.

 
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Und so kam ich zu meiner Entscheidung, Medienmanagement zu studieren. Einfach, weil Medien selbst immer existieren werden, in welcher Form auch immer. Ich könnte dann also immernoch von Papier zum Web oder von vierseitig zu 140 Zeichen umschwenken.

Aber was wäre gewesen, wenn…

Was wäre, wenn ich anderen vorübergehenden Träumen nachgejagt wäre? Was wäre zum Beispiel passiert, wenn der Zeitpunkt meiner Entscheidung für einen Studiengang mit meiner kurzzeitigen Begeisterung für Psychologie zusammengefallen wäre? Wäre ich dann heute eine Psychologie-Studentin in Bremen oder Berlin, die keine Dates haben könnte ohne ihr gegenüber auf einen Mutterkomplex, Narzissmus oder Zwangsstörungen zu mustern?

Oder aber ich hätte mich meinem Berufswunsch Fremdsprachenkorrespondentin hingegeben, den ich auch einmal hegte. Dann würde ich heute vielleicht in Amerika oder England studieren und leben, wo stünde ich wohl heute?

Ich stelle mir diese Fragen nicht, weil ich irgendeine Entscheidung bereue oder glaube, dass ich bessere hätte treffen können. Ich finde es vielmehr ironisch wie zufällig sich unser Lebensweg manchmal entwickelt. Ob wir richtige Entscheidungen treffen, kann letztendlich keiner von uns sagen, denn wir wissen nicht, wie es uns mit einer anderen Option ergangen wäre. Und deshalb ist es vielleicht auch das gesündeste, nicht alle paar Meter zurückzublicken und meinen Weg zu hinterfragen, sondern stattdessen lieber nach vorne zu blicken.

Natürlich muss das Leben, ob beruflich oder privat, nicht immer gradlinig verlaufen. Man kann sich immer mal wieder neu erfinden, andere Träume verwirklichen oder nochmal umschulen. Aber die Zeit läuft, irgendwann wird man einigen seiner vergangenen Entscheidungen treu bleiben müssen. Tok, Tok, Tok.

 

Ich setze mich mit meinem Latte Macchiato zurück in meinen Ohrensessel und lege meinen Laptop auf den Schoß. Der Curser blinkt auf der leeren Seite im Takt zum Ticken in meinem Kopf. Ich weiß nun, worüber ich schreiben will.

 

Photos by Dave