Was einmal gesagt werden muss (Chapter I)

Das stärkere Geschlecht

Ich war schon immer von starken Frauen in meinem Leben umgeben. Kein Wunder, dass ich nie daran gezweifelt habe, dass Frauen ebenso sehr alles erreichen könnten wie all die Y-Chromosom-Besitzer. Doch lag ich damit all die Jahre überhaupt richtig? Kann ich erwarten, dass man mir ohne Vorurteile begegnet? Wo stehen wir heute im Jahre 2017 eigentlich, wenn es darum geht, Frauen logisches Denken oder Spaß an Technik ebenso zuzutrauen wie Männern Sinn für Ästhetik und emotionale Intelligenz?

Hierzu ein kleines Experiment, dafür einfach weiterlesen.

„Ja, ich bin der verantwortungsvollen Aufgabe der Teamleitung auf jeden Fall gewachsen. Ich bin belastbar, scheue keine Risiken und bin flexibel in meinen Arbeitszeiten. Geschäftsreisen? Für mich kein Problem, private Verpflichtungen stehen mir da keineswegs im Wege. Ich besitze Durchsetzungsvermögen, eine wichtige Eigenschaft, um ein Team gut anzuleiten und als Autorität auch einmal durchgreifen zu können.“

Stellt Euch vor, diese Worte fallen in einem Vorstellungsgespräch. Die Position eines Teamleiters ist neu zu besetzen. Auf dem einen Stuhl: Der Personalchef des Unternehmens, auf dem anderen … Ja, wer sitzt in diesem Szenario für Euch auf dem anderen Stuhl?

Ein anzugtragender, gepflegt aussehender Mann vielleicht? Eine Erscheinung, die Selbstsicherheit ausstrahlt und die Fragen des Personals mit sicherer, tiefer Stimme beantwortet? Nicht auszuschließen, dass dieser Typ ein liebevoller Ehemann und Vater zweier Kinder ist. Dass er am Wochenende mit seinen Kumpels zum Fußballspiel das Bierfass viertelstündlich anzapft, ist ebenfalls nicht auszuschließen. Vielleicht verlief seine berufliche Laufbahn sogar alles andere als gradlinig. Er könnte ebenso ein fleißiger wie ein lausiger Schüler gewesen sein – das würde unser Urteil über ihn heute kaum beeinflussen. Schließlich sitzt er nun auf diesem Stuhl, kompetent und souverän. Wir trauen ihm voll und ganz zu, Privates und Berufliches zu trennen, mutig auch schwierige Entscheidungen zu treffen und stets logisch und rational denken zu können.

Oder haben die oben geschriebenen Worte in Eurer Vorstellung doch eher eine Bewerberin gesprochen? Eine adrett gekleidete Frau in Kostüm oder im dunklen Hosenanzug vielleicht, mit hohen Wangenknochen und streng gebundenem Zopf wäre doch ebenso plausibel. Womöglich mittleren Alters, auf jeden Fall groß, schlank, mit freundlichem, aber bestimmtem Gesichtsausdruck? Wie verbringt diese Frau wohl ihren Feierabend? Mit Kleinkindern? Wohl eher nicht. Ehemann? Schon möglich, beruflich aber mindestens gleichermaßen erfolgreich wie sie. Die Zeiten hysterischen Lachens auf Mädels-Abenden mit viel Tequila und lautem Gegröle zu Backstreet Boys Songs liegen längst hinter ihr – wenn sie solchen Dingen denn überhaupt je etwas abgewinnen konnte.

Wen habt ihr Euch vorgestellt?

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Ihr merkt bestimmt schon, worauf ich hinaus möchte – und das es hier nicht um die afrikanische Wildnis geht, vorerst zumindest. Vielleicht gilt es nicht für jeden von Euch. Aber selbst ich, die starke Frauen gewohnt ist, ertappe mich manchmal dabei, mit zweierlei Maßstäben zu messen. Liegt es in unserer Natur oder ist es unsere Gesellschaft, die die Stereotypen prägt? Kommt es durch die Medien? Wo auch immer die ungleichen Vorstellungen herkommen, sie haben in unseren Köpfen nichts verloren. Deshalb müssen wir (Frauen) nicht unbedingt gleich nackt demonstrieren gehen. Aber das Bewusstsein schaffen, in uns und in unseren Mitmenschen, könnte der erste Schritt in eine gerechtere Welt sein.

Dass wir Männern bei gleicher Qualifikation, Familienstand und Freizeitbeschäftigung häufig mehr zutrauen als der ebenbürtigen weiblichen Bewerberin ist möglicherweise gar nicht das Problem. Vielleicht lässt es sich kaum vermeiden. Frauen sind schwächer, zumindest einmal körperlich. Sie sind oft emotionaler und selbstkritischer. Ihre Stimmen sind höher, ihre Gesichtszüge oft weicher. Ihre Körper sind kleiner, schwächer und verfügen über Rundungen, die die Natur für ihre Zwecke vorgesehen hat.

Was bedeutet das? Ist es die Aufgabe von uns Frauen, unsere Schwächen gegenüber dem männlichen Geschlecht zu verbergen, indem wir uns im Berufsalltag androgyner zeigen? Sollten wir Stimmtrainings absolvieren, hohe Schuhe anziehen, weniger Lächeln? Keine Kinder bekommen – der Karriere zuliebe?

Nichts davon wird von unseren männlichen Kollegen erwartet. Ein Absturz auf der Sommerfeier und der Kollege wird am nächsten Tag mit Applaus und Schulterklopfen für seine Gesangseinlage auf dem Biertisch gefeiert. Zwei Tage später haben es die meisten schon wieder vergessen.

Wie würdet Ihr reagieren, wenn das einer Kollegin von Euch passiert? Applaus am nächsten Morgen? Wohl eher nicht. Vielmehr ein leises Getuschel, wenn sie an den Büros der Kollegen vorbeiläuft. Mit viel Pech hat sie damit ihren Ruf auf Lebzeiten weg. Aufstiegschancen? Gehaltserhöhung? Für den männlichen Kollegen kaum in Gefahr. Aber was ist mit ihr…?

Ich hoffe, dass ich bis zu dieser Stelle noch nicht alle männlichen Leser verschreckt habe. Denn jetzt kommt noch ein wichtiges Eingeständnis: Wir Frauen sind selbst oft nicht besser. Wir sind geradezu die härtesten Kritikerinnen und eifrigsten „Hast Du gesehen, was die heute anhat?“ Tuschlerinnen, wenn es um unsere eigenen Geschlechtsgenossinnen geht.

Vielleicht, weil wir froh sind, dass Blicke und Getuschel heute nicht uns zulasten tragen. Oder weil wir selbst den Kampf darum, ernstgenommen zu werden, seit Jahren führen – und die Nachlässigkeit einer anderen umso härter bestrafen. Oder geht es hierbei doch um die Profilierung der eigenen Person? Dank der Kollegin mit schief sitzendem Rock und verschmiertem Lippenstift steht man immerhin selbst in einem viel besseren Licht da.

Nein, vielleicht ist die Tatsache, dass wir äußere Merkmale nutzen, um Rückschlüsse auf die Fähigkeiten einer Person zu ziehen, nicht das grundlegende Problem. Nur sollten wir uns bewusst machen, dass unser Urteilsvermögen ziemlich leicht fehlgeführt werden kann. Die imposante und beeindruckende Mähne eines männlichen Löwen scheint uns beispielsweise als Symbol der Stärke und Männlichkeit zu stehen. Aber sie nützt dem Löwen eigentlich gar nichts – im Gegenteil. Beim Schwimmen saugt sie sich so stark mit Wasser voll, dass sie den Löwen herunterzieht und ertrinken lässt. Auch die Schnelligkeit des Geparden hat oftmals keine Chance gegen die Wendigkeit der Gazelle. Auch wenn die zierlichen Beutetiere nur halb so schnell sind wie ihre Jäger, entkommen sie ihm immer wieder – dank ihrer guten Instinkte und der Fähigkeit, schnell die Richtung zu ändern. Alles klar?

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